Hinter Stacheldraht: Joseph Beuys mit einem Studenten bei einer Kunstaktion zu seiner Wiedereinstellung in die Akademie. Foto: dpa


50 Jahre EXPRESS Der Aufstand des Mannes mit dem Hut


„Und wenn sie mit Panzern kommen“, ruft trotzig der weltberühmte Mann mit dem Hut - „Ich bleibe!“
Und verlässt dann doch wenig später unter einem Spalier von Polizisten lächelnd die Düsseldorfer Kunstakademie. Joseph Beuys heißt er.
Es ist der 10. Oktober 1972. Der Kunstprofessor hat gerade für den größten Skandal in der Geschichte der ehrwürdigen Akademie gesorgt. Besetzt hat er sie. Mit 56 von insgesamt 125 abgewiesenen Studienanfängern. Erzwingen wollte er die Zulassung der Studenten. Und wird schon einen Tag später vom damaligen NRW-Minister für Wissenschaft und Forschung, Johannes Rau ( 2006), gezwungen, die Akademie zu verlassen. Fristlose Kündigung des Dienstverhältnisses. Ein Aufschrei geht durch die Kunstwelt. Dabei ist damals auch der damals 19-jährige Student Tomay Hawk. In der EXPRESS-Jubiläumsserie erinnert sich der Künstler an diese denkwürdigen Tage und wilde Zeiten an der damals „freiesten Akademie Deutschlands“



von TOMAY HAWK

Begonnen hat alles schon 1971. Ich wollte auf die Kunstakademie. Aber wie? Da wollten Viele hin. Mein Glück: Joseph Beuys war da. Und meine damalige Freundin wusste: Ich brauchte eine Mappe, die aussagekräftige, bildnerische Arbeiten von mir enthalten sollte. Zeichnen, malen, mischen, dann war es soweit: Abgabetermin. Schwellenangst. Der Pförtner zeigte nur nach „Oben“ zum Sekretariat. Hinein in einen umtriebigen Haufen von jungen Leuten. Langhaarige, Gammler, zurück aus Indien, die ihre Mitbringsel aus fernen Ländern für wenig Geld verkauften. Sie saßen auf Tischen und Treppenstufen, Wolken süßlichen Duftes, Räucherstäbchen, Silberschmuck, „Hast Du Abitur?“ „Nö.“ „Dann kannst Du ja nur »Freie Kunst« studieren.
“An einem riesigen Konferenztisch saßen die ehrenwerten Akademieprofessoren. Vor ihnen ein hoher Berg von Mappen. Ca. 400 Bewerber, Junge Leute, die alle glaubten, malen zu können.
„Ich nehme nur 6 neue Leute in meine Klasse auf, wir wollen doch eine Eliteakademie bleiben“, meinte der Architekturprofessor.
„Die ihr nicht haben wollt, nehme ich ausnahmslos in meine Klasse mit auf!“, rief der Professor für Großbildhauerei, Joseph Beuys.
Den Namen hatte ich noch nie gehört. Das änderte sich bald.
300 Hoffnungsfrohe wurden nicht angenommen. Meine Bewerbungsmappe erhielt ich mit „befriedigend“zurück. Zu schlecht.
Und plötzlich, wie aus heiterem Himmel: Die Erlösung! Ein Brief mit folgendem, aus meiner Erinnerung geholtem, Inhalt:
„Lieber Tom, Du hast Dich in diesem Jahr an der Akademie beworben, und Du bist abgewiesen worden. Wir haben hier an der Akademie genügend Raum, Material und Werkzeug für kreative Menschen. Komm' einfach zum angegebenen Termin ins Sekretariat der Akademie, dort kannst Du Dich dann in meine Klasse einschreiben. Beste Grüße Joseph Beuys.“
Dieser Brief ging an alle Abgelehnten.Wie eine Flipperkugel titschte ich hin und her. Danke Beuys! Hin zur Akademie, 15 andere mit mir. Der Rest der 300 wollte wohl nicht. Wir mit Beuys ins Sekretariat. Die Sekretärin aufgrund der eigenmächtigen Aktion von Beuys vollkommen überfordert, ruft den damaligen Verwaltungsdirektor Hann Trier zu Hilfe. Der kommt gemütlich, im Hemd mit Hosenträgern aus seinem Chefzimmer:
„Mensch Beuys! Was ist denn schon wieder?“ Diese Studierwilligen wollen sich in meine Klasse einschreiben.“ „Wie viele sind das denn? „15“ „Meinetwegen ja und kein Aufsehen...“Bingo! Wir waren Beuys-Studenten! Das Paradies. Freudetrunken Künstler werden, mit Studienbuch, legitimiert. Beuys hatte sich für uns über Gesetze hinweggesetzt. Was wir nicht ahnten - es war der Beginn seines Endes an der Akademie.
1972. Der Ruf seiner freien Akademie hallte weit über die Grenzen unseres Landes. Alle wollten zu Beuys. 500 Neubewerbungen! Beuys nickte. Und hatte plötzlich 200 neue Studenten. Peng! Da war auch der sonst so gemächliche Verwaltungsdirektor überfordert. Er informierte umgehend seinen obersten Dienstherrn aus demWissenschaftsministerium, Johannes Rau. Dieser sprach sofort die fristlose Kündigung und ein absolutes Hausverbot gegen Beuys aus. Der besetzt abermals mit Studenten (jetzt aber mit ein paar mehr) das Sekretariat. Dabei geht auch eine Tür zu Bruch. Das Fass läuft über. Die Polizei rückt an. Die Akademie wird abgesperrt. Auf den Gängen ein martialisches Polizeispalier, wartend darauf, dass Beuys die Akademie verlässt. Zur Not auch mit Gewalt. Von wegen: Beuys öffnet die Tür, sieht das Aufgebot, kommentiert mit verschmitzten Lächeln: „Demokratie ist lustig.“ Dann verlässt er von seinen Studenten begleitet unter Protest die Akademie.

Was nun? Wir wollten Beuys zurück! Demos! Briefe an Rau, Solidaritätskundgebungen. Demo zum Ministerium, Beuys gibt Korrekturen auf der Straße, andere verbrennen irgendwas. „Protest“ hallt es durch die ganze Stadt. Anatol zimmert einen Einbaum um Beuys von Oberkassel über den Rhein zu rudern. Immendorff schreibt auf eine Leinwand: „Hört auf zu Malen.“ Ich selbst spürte einen Verlust:» Wie gewonnen so zerronnen.« Ich war raus. Machte mein Abitur nach, leistete Zivildienst.
Beuys blieb ich immer dankbar.
Sieben Jahre sollte der Prozess um die Wiedereinstellung von Beuys dauern. Wegen eines Formfehlers, dem Aussprechen einer fristlosen statt einer fristgerechten Kündigung, bekommt Beuys den berühmten Raum 3 zugesprochen, den er als Informations- und Schriftenraum seiner Ideen zum erweiterten Kunstbegriff nutzen wird. Zum Zeichen seiner physischen und mentalen Anwesenheit installiert er hoch oben im Raum seine berühmte Fettecke, eine wahre Reliquie. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Künstler des letzten Jahrhunderts. Von der Beuys-Infektion habe ich mich nie befreien können, ich bin Künstler geworden: Der Brave malt mit dem Computer, der Renitente hält sich nicht immer an vorgegebene Ordnungen und gesetzliche Vorschriften, er macht Aktionskunst.
Ich glaube, der Aufgabe eines gesamtgesellschaftlich wirkenden Künstlers im Beuys'schen Sinne gerecht geworden zu sein.